Mut zum Risiko

Caroline Peters ist eine vielseitige Schauspielerin. Ihr Repertoire reicht von der neoklassischen Rolle der Medea bis zur schrägen, leicht aufmüpfigen Kommissarin.

 

Text: Silvia Matras

Foto: Heji Shin
Foto: Heji Shin

Zum Interview kommt Caroline Peters per Rad. Da es draußen Minusgrade hat, trägt sie eine verwegene Kappe aus Pelzimitat und einen Designer-Mantel aus Neopren, der bekannten Berliner Designerin Franzius. Sie signalisiert damit: Mein Outfit ist mir keineswegs egal. Auch wenn ich am Fahrrad etwas pragmatische Unterstützung brauche.

Aufmüpfigkeit und Aufbegehren gegen das Establishment sind ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Caroline Peters stammt aus einem bürgerlichen Elternhaus. Der Vater war Psychiater, die Mutter Literaturwissenschaftlerin. Ob sie schon früh gegen ihre drei Vornamen Caroline, Therese und Aksinia rebellierte, ist nirgends nachzulesen, aber anzunehmen. Wir sprachen nicht über ihre Kindheit in Köln, sondern über die Meldung, die durch alle Medien ging: Peters wird die neue Buhlschaft 2020. Obwohl sie sicherlich schon viele Male dazu interviewt wurde, geht noch immer ein Strahlen über ihr Gesicht, wenn sie an diese Rolle denkt. Ja, der Anruf habe sie überrascht, erzählt sie.

„Ich war verblüfft und musste schon etwas überlegen, und dann sagte ich sehr erfreut zu.“ Salzburg zur Festspielzeit war ihr schon aus dem Jahr 2019 vertraut, als sie am Landestheater die Bürgermeisterin Corinna Schaad in der Komödie „Die Empörten“ von Theresia Walser spielte. „Salzburg im Sommer ist wie ein riesiger Maskenball, nochmal eine ganz andere Welt als Wien“, lautet ihr Urteil. „Für mich ist die Rolle der Buhlschaft wie eine Einladung zu einer großen Party auf dem Domplatz!“ Das klingt, als dürfte man sich auf eine recht eigenwillige Buhlschaft gefasst machen. Wie um sich selbst zu bestätigen, dass es bei dieser Party nicht allzu konventionell zugehen werde, merkt sie hoffnungsvoll an, dass der Regisseur Michael Sturminger den

Jedermann doch schon um einiges entstaubt habe. Ja schon, aber so wenige Sätze, wie die Buhlschaft abzuliefern hat, das kommt

ihrem Schauspielertemperament nicht gerade entgegen. Denn wer sie in den schon genannten „Empörten“ als redefreudige Bürgermeisterin oder in dem Stück „Heisenberg“ von Simon Stephens, das zurzeit im Akademietheater zu sehen ist, erlebte, der weiß: Caroline Peters ist eine brillante Schnellspielerin und Schnellsprecherin. Da kommt kein anderer an sie ran. Das sind die Rollen, die sie am liebsten spielt: Verdrehte, Verhuschte, aus dem Klischee, aus der Bürgerlichkeit, aus der Sicherheit des Lebens Herausgefallene, die sich gerade noch am Redestrom wie an einem unsichtbaren Faden festhalten können. Hätten sie nicht diesen gesteigerten Rededrang, dann wären sie unsichtbar. Niemand würde ihr Verschwinden bemerken.

Klassik ja, aber!

Als Caroline Peters 2004 ans Burgtheater kam, war die Zeit der strengen Klassiker längst noch nicht vorbei. Schiller, Goethe,

Oscar Wilde – ja, jedoch umgeschrieben. Aber der Respekt vor den großen Schriftstellern schien einzuknicken. Simon Stone schreibt seit 2015 erfolgreich neu, Elfriede Jelinek schrieb um und neu. Caroline Peters gefällt diese Tendenz. „Schließlich haben sich auch Shakespeare, Nestroy oder Goethe fleißig an Stoffen anderer Autoren bedient.“ Im Mantel der Aktualität fühlt sie sich wohler als im historischen Kostüm. Eine Medea heute kämpft gegen einen charakterlosen Jason bis zum bitteren Ende. Wenn es sein muss, zündet sie ihm Haus und Kinder an, so wie ihre tragische Vorgängerin, die klassische Medea auch. Um ihm drastisch vor Augen zu führen, was in ihr an Kräften, wenn auch zerstörerischen, steckt. Kämpferische Frauen sind Caroline Peters’ andere Seite der Schauspielermedaille. Frauen, die trotz widriger Umstände ihren Weg machten und machen, gehören zu den Lieblingsrollen. Zuletzt versuchte sie sich diesem Thema in dem Versuchstheaterstück „Theblondproject“ zu nähern. Mit der ihr eigenen Dynamik und Schnellsprechtechnik raste sie eine halbe Stunde ohne Punkt und Beistrich durch einen Text über Blondinen und solche, die nicht blond sind. Dass das Publikum vielleicht durch solche Textcollagen überfordert sein könnte, riskiert Caroline Peters. Weil sie das Risiko eben liebt. Deshalb spielt sie auch gerne mit dem polarisierenden Regisseur René Pollesch, zuletzt in seinem Stück „Deponie Highfield“. Die Kritiken waren nicht gerade freundlich. „Unverständlich“ war noch das Netteste, was man las. Doch Caroline Peters steht zu diesem Autor und Regisseur: „Wir diskutieren sehr viel. Aus dem gemeinsamen Prozess zwischen Schauspielern und Regisseur entsteht das Stück.“ Also volles Risiko!

Ihre komödiantische Seite kann Caroline Peters in dem Jelinek-Stück „Schwarzwasser“ voll ausspielen. Als Moderatorin eines raunzenden und schwächelnden Zirkusdirektors hat sie nicht viel zu sagen, aber Mimik und Gestik genügen ihr, um die

Branche der Moderatorinnen auf das zu reduzieren, was ihnen zugeschrieben wird: dümmlich, sexy, sich immer wiederholend. Köstlich auch ihre Figur der Infantin aus dem Velázquez-Gemälde. Auf den Knien rutschend und in ein (Gedanken-)Korsett eingeschnürt plappert sie mit Puppenstimme grausamsten Unsinn. Große Schauspielkunst in diesem trüben Schwarzwasser. 

Sie ist die wandelbare unter den Schauspielerinnen – ob als Medea, als Bürgermeisterin in Heisenberg, in Ibsens John Gabriel Borkmann, in The Blonde Project, in Deponie Highfield – sie überzeugt immer durch die Kraft ihres Spiels.

 

Fotos: TheBlondProject/Foto: Ruiz; Deponie Highfield/Burgtheater, Borkman/Burgtheater;Medea/Burgtheater; Heisenberg/Burgtheater