Gefühl & Verführung

Seit Jahrhunderten zieht die Toskana Dichter und Künstler in ihren Bann. Großartige Filme wurden hier gedreht – von „Der englische Patient“ über „Viel Lärm um Nichts“ bis zu „Das Leben ist schön“. Warum ausgerechtet hier? Ganz einfach, weil hinter jeder Kurve, hinter jedem Hügel eine neue, hinreißende Szenerie auf einen wartet undes leicht ist, in dieser Atmosphäre das Leben zu genießen.                                    

 

Text & Fotos: Doris Springenfels 

Kurven über Kurven, am Straßenrand typische ockergelbe Häuserzeilen, vereinzelte Villen, Weinreben an sanften Hügeln, alte Türme, schlanke Zypressen – die Landschaft der Toskana ist wie geschaffen für einen Film über die Liebe und das Leben.  Man denke an „Zimmer mit Aussicht“, „Unter der Sonne der Toskana“ oder „Gefühl und Verführung“ von Altmeister Bernardo Bertolucci. Letzterer spielt im Chianti, wo Liv Tyler zwischen Olivenbäumen und Weinbergen einen magischen Sommer verbringt und nebenbei ihren leiblichen Vater ausfindig machen möchte. Kein allzu schwerer Stoff, aber was dem Film dramaturgisch fehlt, macht er optisch wieder wett. Und genau diese Optik fasziniert, diese ganz spezielle Atmosphäre zieht an, bewegt einen dazu, das Leben leichter zu nehmen. Wenn man bei Firenze Süd die Autostrada verlässt und auf die Chiantigiana wechselt, jene Straße, die direkt ins Herz des Chianti führt, beginnt man seine „italienische Seite“ zu entdecken. 

Zuccheros „Il Volo“ tönt aus dem iPod, während wir Impruneta, Strada, Creti passieren. Es ist Samstag Morgen. Markttag in Greve. Auf der großen, dreieckigen Piazza Matteotti herrscht Gedränge, das Auge ertrinkt geradezu in der Farbenpracht der angebotenen Waren – saftig rote Pomodori, tiefgrüne Carciofi, goldgelber Pecorino – der perfekte Einstieg ins toskanische Leben. Dieser Mercatale ist im weiten Umkreis das Ereignis der Woche. Hier shoppen Einheimische  wie auch Touristen, diskutieren über den Preis der mit Olivenmotiven bedruckten Tischtücher, verkosten alten Pecorino und würzige Salami. In den langen Arkadengängen, die den Platz säumen, findet man alles, was das Herz in einem Italienurlaub begehrt. So auch Falorni, eine Marcelleria, die für ihre Wildschweinwürstel, Fenchelsalami und den besten Trüffelpecorino, den man sich vorstellen kann, weit über die Grenzen Italiens hinaus berühmt ist.  Richtig Ankommen bedeutet auch nicht nur sich ins Markttreiben zu stürzen, sondern sich der Langsamkeit hinzugeben. Nicht weiter zu hasten ans Ziel, sondern erst noch ein Gläschen Chianti auf der Terrasse des Ristorante „Giovanni da Verrazzano“ zu genießen, mit Blick auf die namensgebende Statue, die den Platz beherrscht. Erst nach dem ersten Schluck ist es sicher, man ist wirklich wieder da. 

Immer wieder Panzano

Nur mehr wenige Kilometer trennen uns von Panzano, jenem malerischen Festungsdorf, welches genau an der Stelle, wo der alte etruskische Fahrweg von San Casciano auf die Chiantigiana trifft, erbaut worden ist. Fast geradlinig führt die Dorfstraße von der Piazza Bucarelli hinauf zur Chiesa Santa Maria. Dahinter sind noch gut erhaltene Teile der Befestigungsmauer zu sehen, dann folgt ein dichter Hain mit uralten, schrumpeligen Steineichen.  Nur noch zwei Kurven, dann erreicht man das „Il Palagio“, ein Agriturismo mitten im Weinberg. „Urlaub am Bauernhof“ war der ursprüngliche Gedanke, der hinter der Bezeichnung Agriturismo steckt. Statt einem Vierkanter findet man hier jedoch ein verwinkeltes, großzügig angeleges Steinhaus aus dem 13. Jahrhundert vor, das von der Familie Piccini in liebevoller Kleinarbeit restauriert wurde. Statt Kuhmilch gibt es handverlesenen Chianti und duftendes Olivenöl, im Gemüsegarten wachsen Zucchini und Artischocken, und geschlafen wird nicht im Heu, sondern in romantischen Eisenbetten. Ein perfekter Ort, um zu entspannen, um im großen, gepflegten Blumengarten am Pool abzuhängen, aber auch, um das Chianti und darüber hinaus die Toskana zu erkunden.

Durch die Monti del Chianti

Ja, das Chianti hat einiges zu bieten. Vor allem für Liebhaber mittelalterlicher Städtchen und süffiger Weine. Egal in welche Richtung man von Panzano aus losfährt, irgendein ausgezeichnetes Weingut, irgendein Castello liegt immer am Weg. Durch das kleine Lucarelli gehts zunächst nach Radda in Chianti, das höchstgelegene Städtchen des Chianti-Gebietes. Der Palazzo del Podestà mit seiner rustikalen Loggia hat schon fünf Jahrhunderte erlebt. Über dem Portal sind die Familienwappen der Podesta angebracht, die hier regierten. Dem Rathaus gegenüber plätschert in einer Nische ein hübscher Brunnen, daneben steht die fast dörflich anmutende Kirche San Nicola. Unweit von Radda liegt Volpaia, natürlich auf einem Bergrücken. Das Örtchen wird geprägt vom Castello di Volpaia, einer wuchtigen Burg aus dem 12. Jh., wo man neben Wein auch Essige verkosten kann. Die aromatischen Aceti Fiori oder Orto sind eine interessante Abwechslung zum ewigen Balsamico. Gaiole, der dritten Weinort der historischen Lega ist auf mehreren kleinen Hügeln gebaut, die durch Brücken miteinanderverbunden sind. Noch ein Stück weiter, findet man Badia a Coltibuono, ein abgelegenes Bergkloster. Die Benediktinerabtei stammt aus dem Jahre 770 und wurde für die Vallombroser Mönche zum Zentrum des Weinanbaus. Zu verkosten sind die Weine der Abtei im kleinen Verkaufslokal direkt an der Zufahrtsstraße. Hier kann man auch Köstlichkeiten wie spezielle Honige oder hausgemachte Pesti mit Trüffel erstehen, die von hervorragender Qualität sind. Längst schon kein Geheimtipp mehr ist das Restaurant Badia a Coltibuono, das unter anderem für sein Bistecca Fiorentino berühmt ist. 

Eine Station ist noch von Bedeutung auf der „Strada dei Castelli e Vini“, das Castello di Brolio. Seit 1147 befindet sich die „Trutzburg“ in Familienbesitz. Man erzählt sich, Graf Bettino Ricasoli habe den Chianti als Weinsorte „erfunden“ – durch seine geschickte Vermischung von Wein aus roten und weißen Trauben. Damals aus 70 bis 80% Sangiovese und Canaiolo – einer

uralten toskanischen Rebe – mit zwei weißen, dem Trebbiano und dem Malvasia. Der Blick von der Burg ist überwältigend: eine sich endlos dahinstreckende Hügellandschaft bis nach Siena, Volterra und zum 1738 Meter hohen Monte Amiata. 

Mehr als Postkartenmotive

Eine andere Tour führt über Castellina nach Colle Val d‘Elsa. Der eigentliche Grund nach Colle Val d‘Elsa zu kommen ist nicht, dass – wie vielerorts im Chianti – farbenfroh bepflanzte Blumentröge vor den Türen stehen, Geranien und prächtig blühende Kapuzinerkresse an den Fenstern hängen, sprich, dass es Postkartenmotive zur Genüge gibt. Der Hauptgrund ist mitten im historischen Zentrum, in einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, zu finden: Das Restaurant Arnolfo ist ganz sicher eines der besten und berühmtesten Restaurants Italiens. Vor der Panoramaterrasse erstreckt sich eine liebliche Landschaft, voller Hügel und Täler, im Sommer mit blühenden Sonnenblumenfeldern. (Via XX Settembre, Tel. 0577 920549, Mail: arnolfo@arnolfo.com).

In der Ferne kann man die berühmten Türme San Gimignianos erkennen, das zwar streng gesehen nicht mehr zum Chianti zählt, aber nur einen Katzensprung entfernt ist. Am besten kommt man zeitig am Morgen oder am frühen Abend, wenn die Tagesausflügler die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Stadt bereits verlassen haben. Sicher, San Gimigniano ist sehr touristisch, aber hat es trotz aller Widrigkeiten geschafft, sich seine Atmosphäre zu bewaren. Ein Cappuccino auf einer der drei Piazze: delle Erbe, del Duomo und della Cisterna mit Blick auf die wundervolle Einheit der Architektur der umstehenden Gebäude ist Pflicht. Ein Spaziergang außen herum, entlang der Stadtmauer, bietet ungewöhnliche Ausblicke aufs Umland, aber auch auf die Geschlechtertürme, die San Gimigniano berühmt gemacht haben.

Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Maler. Dann würde ich all die Schönheit, die sich den Augen darbietet, mit Pinsel und Farben festhalten. So wie jener unbekannte Maler, den wir am Weg in die südlichen Teile der Toskana inmitten eines Mohnfeldes beobachten durften. Ich würde in einen Farbrausch verfallen – tiefrote Mohnblumen, leuchtend gelben Ginster malen unterbrochen nur von Grün in allen Schattierungen. Ich würde die sanften Hügel festhalten, mit den kerzengeraden Zypressen, die dieser Landschaft ihr charakteristischen Flair verleihen, die pittoresken Steinhäuser inmitten üppiger Weinreben, die endlose Weite. Die Suche nach Motiven würde mich in mittelalterliche Orte führen, wo Zeugen etruskischer Vergangenheit unweit prachtvoller Renaissancepaläste zu finden sind. Beeindruckende Städte wie Florenz, Siena oder Lucca stünden auf meiner To-Do-Liste und charmante kleinere Orte wie Pienza, Montalcino, Montepulciano. In der Nähe der zuletzt genannten Orte liegt auch San Antimo. Dort wurde der "Englische Patient" von Juliette Binoche hingebungsvoll gepflegt. Heute ist das Kloster ein Agriturismo, wo Kreativ-Kurse abgehalten werden. Das passt zu dieser Landschaft, die seit Jahrhunderten Dichter und Künstler in ihren Bann zieht. Wahrscheinlich liegt es am Licht, das immer wieder, zu jeder Tages oder Jahreszeit, neue Perspektiven eröffnet, das träumerische Stimmungen schafft und sanfte Schatten malt, dass die Toskana zum Sehnsuchtsland für Romantiker geworden ist.

 

Mekka für Weinliebhaber

Romantik ist eine Seite, Kultur eine andere. Es gibt aber noch eine weitere warum so viele Menschen immer wieder gerne in die Toskana kommen: das ist der Wein. Toskana und Wein, das gehört eben zusammen: Seit Jahrtausenden werden in der Region erstklassige Weine produziert. Heutzutage legen viele Winzer Wert auf eine naturbelassene und schonende Bepflanzung. Biodynamisch und biologisch gewonnene Weine bezeugen den tiefen Respekt für das gegebene Terroir. Das Chianti-Gebiet, oder "Conca d’Oro" also das goldene Becken zwischen Florenz und Siena ist berühmt für den "Chianti Classico" mit der "Gallo Nero"-Auszeichnung. Eine Spezialistin für die Chianti Region ist Nina Tiefer, deren Blog, Website und Onlineshop wir allen ans Herz legen möchten, die mehr über die ansässigen Winzer und ihre Weine erfahren möchten. So ist auch unsere Gastgeberin des Il Palagio Monia Piccini auf dieser Site mit einem Porträt vertreten.

Auch in der Region rund um Montalcino wo der berühmte Brunello herkommt, Montepulciano mit dem Vino Nobile, oder die Maremma-Küste und auf Elba finden sich jede Menge hervorragende "Casas vinicola" und "Tenutas". Die großen Weinführer stellen immer wieder die besten vor und prämieren sie. Entweder man macht sich auf die Suche nach den Hochgelobten oder man folgt den kleinen Schildern am Straßenrand zu den Gütern und erlebt so manch positive Überraschung.